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Erklärstück

Die neue Unsicherheit ist zurück!

Nachdenkliche, selbstkritische und unbedingt unsouveräne Gesprächsmomente. Alles abseits des jämmerlichen WAS DARF MAN DENN HEUTE NOCH SAGEN?

Fatima Moumouni, 8. Juni 2026

Es klappt nicht immer. Jede Folge der Gesprächsreihe ist ein Experiment. Wird das Gespräch unsicher genug? Fühlt sich mein*e Gäst*in wohl genug, um sich in Unsicherheit zu begeben? Fühle ich mich wohl genug, um aus der klassischen Moderationsrolle herauszutreten und ebenfalls Kontrolle abzugeben? Schaffen wir es überhaupt, schnell genug so warm zu werden, dass bis zur ersten Pause die Basis fürs gemeinsame Nachdenken, Stocken und Offenbaren da ist? Ist das Publikum bereit? Sind die Geduld und die Offenheit für echte, nicht performte Verletzlichkeit da, oder scharrt es mit den Füssen, will lieber unterhalten werden? Ist das Publikum so aufgestellt, dass mein*e Gäst*in Lust hat, sich zu öffnen, oder fühlt they sich mal wieder ausgestellt – unser Daily Business, seit «wir» überhaupt auf Bühnen dürfen.

«Was ist mit dem Hass, der Gewalt der Struktur, der Normalität?»

Bei meiner Reihe «Die Neue Unsicherheit» möchte ich meine Gäst*innen und mich selbst in Unsicherheit versetzen – mit consent!

Menschen, die gesellschaftliche Ausschlüsse erfahren, sind Expert*innen für Unsicherheit: Werde ich angestarrt? Komme ich sicher an der Polizei vorbei? Komme ich überhaupt über die Schwelle oder die Treppe hoch? Wird man Platz für mich machen? Kann ich mir das leisten? Wird sich wer für mich einsetzen? Was ist mit dem Hass, der Gewalt der Struktur, der Normalität?

«Komme ich sicher an der Polizei vorbei?»

Das steht alles im Kontrast zur Frage (die den Titel der Reihe inspiriert hat): «Was darf man denn heutzutage noch sagen?», die seit mindestens 10 Jahren regelmässig auf den grössten Plattformen in jämmerlichem Ton vorgetragen wird und sich in einer Form von bewaffneter Inkompetenz allen möglichen Gleichstellungsversuchen entgegensetzt.

Mir geht es um Gespräche, in denen die Suche nach dem richtigen Ausdruck, das Fehlermachen sowie das Nicht-weiter-Wissen normalisiert werden. Es darf dezidiert ge-ähmt, gestottert und gehadert werden. Ich möchte ein Gespräch, das sanft fordert, eins, das gräbt und schürft. Eins, das sich Zeit nimmt und sich nicht auf die klassischen Bühnenmechanismen verlässt.

Als ich der Autorin Fatma Aydemir für die erste Veranstaltung der neuen Staffel Anfang des Jahres vom Konzept erzählte, war ich mir trotzdem plötzlich gar nicht mehr so sicher, was speziell daran sein soll. Ist es nicht Ziel eines jeden Interviewformats, dass Gesprächsgäst*innen sich verletzlich zeigen und ehrlich?

Und doch: Ich bin jedes Mal ausserordentlich aufgeregt, wenn ich für die Unsicherheit auf der Bühne stehe. Auch Fatma kam damals im Januar in Berlin an den Sophiensælen, wo ich eine Berlin Edition durchführen durfte, von der Bühne wie von einer Achterbahnfahrt: Es hat Spass gemacht, war aber auch beängstigend. Normalerweise sprechen wir selbstbewusst, unsere Sätze sind vielfach erprobt, unsere Argumente sind sattelfest. Wir, die wir uns ewig verteidigen, behaupten und selbst einschreiben müssen – denn sonst werden wir vergessen, übergangen oder eliminiert.

«Komme ich überhaupt über die Schwelle oder die Treppe hoch?»

Oft können wir es uns schlicht nicht leisten, auf Bühnen unsicher zu sein – gerade in Zeiten eines neofaschistischen Backlashs, in denen jede Diskussion ein Kampf ums Überleben sein kann. Zum Beispiel, wenn es um Themen wie Polizeigewalt, verschiedene Rassismen, darunter anti-Schwarzer, antimuslimischer und solcher gegen PoC, Sinti*zze, Rom*nja und Antisemitismus, geht oder um Ableismus, Queerfeindlichkeit, Armut und Prekarisierung sowie Menschen- und Völkerrechte.

Wir haben eine wohlformulierte Sammlung an brandsicheren Argumenten, die wir als Knöpfe gelernt haben, um sie in öffentlichen Diskussionsrunden zu drücken.

«Die Neue Unsicherheit» kann ein Safer Space für Unsicherheit sein – oder auch ein Braver Space. Das ist ein Begriff aus Schwarzen, queeren Räumen für Lern- und Aushandlungsmomente zu Themen, die innerhalb einer Community schwierig sind, zu besprechen. Auch in anderen Gesprächsformaten, die ich kuratiert habe, war es mir wichtig, nicht auf Antagonismus zu setzen. Ich glaube schon lange daran, dass es auch bei geteilten Meinungen und Erfahrungen genug zu diskutieren gibt. «Progressiv» heisst wortwörtlich «vorwärtsschreiten» – und das geht nur, wenn wir uns den Raum dazu nehmen.

In dieser neuen Staffel sind das gerade Themen ums Communitybuilding und um die Liebe, die mich interessieren:

Mit der Bestsellerautorin Fatma Aydemir ging es um: Was ist unsere Verantwortung gegenüber «der Community», aus der wir kommen – und was nicht? Was bedeutet politisches Schreiben in Zeiten von Bekennungszwang und Cancel-Angst?

Mit dem Anti-Rassismus-Aktivisten und Vermittler David Zabel sprach ich über: Was bedeutet es, als rassifizierte Person weisse Menschen zu lieben und von ihnen geliebt zu werden? Welcher Schmerz, welche Gewohnheiten, welche Unausgesprochenheiten kommen da mit?

Und mit der Moderatorin, Schauspielerin und Performerin Kübra Sekin ging es um: Wie funktioniert Liebe «gegen die Gesellschaft» – was hat Liebe mit Access zu tun? Müssen wir unsere Liebesbeziehungen als Anschauungsbeispiel opfern, oder darf das Politische auch privat sein?

Wenn das mit der Unsicherheit klappt, dann ist eine ganz besondere Stimmung im Raum. Dankbarkeit. Erleichterung. Nähe. Das ist der Moment, in dem das Zitat aus James Baldwins Essaysammlung «Nobody Knows My Name» (1961) auf eine Art erfüllt wird, von dem ich mich nun schon seit ein paar Jahren inspirieren lasse:

«Any real change implies the breakup of the world as one has always known it, the loss of all that gave one an identity, the end of safety. And at such a moment, unable to see and not daring to imagine what the future will now bring forth, one clings to what one knew, or dreamed that one possessed. Yet, it is only when a man is able, without bitterness or self-pity, to surrender a dream he has long cherished or a privilege he has long possessed that he is set free – he has set himself free – for higher dreams, for greater privileges.»

James Baldwin

Zur Bühnenautorin und Moderatorin

Fatima Moumouni hat 2020 an der Gessnerallee ihre Reihe «Die Neue Unsicherheit» ins Leben gerufen und in diesem Rahmen insgesamt über zehn Gespräche geführt. Nun ist sie für eine neue Staffel zurück und freut sich, dafür weiter am Konzept herumdenken zu dürfen. Fester Teil der Reihe ist jeweils ein anschliessendes Hang-out-Format: eine Party, Karaoke oder einfach gemeinsam Musik hören – um die Unsicherheit wieder gemeinsam abzuschütteln.

Fatima Moumouni (sie/ihr, they/them), *1992 ist Bühnenautorin und Moderatorin. Als Performerin ist sie seit 2011 auf unterschiedlichen Bühnen in der Schweiz und international unterwegs. Am Theater Basel läuft derzeit «Die weisse Madonna von Einsiedeln», das sie mit Laurin Buser geschrieben hat.

«Die Neue Unsicherheit – Disco Edition»
Fatima Moumouni

Fr, 19.06, 20 Uhr

Fr, 25.09, 20 Uhr

Fr, 11.12, 20 Uhr

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