Liebe Besucher*innen der Gessnerallee, liebe Künstler*innen
Mit «Movements» schafft Monika Truong eine Performance über Erinnerung, Widerstand und gemeinschaftliche Hoffnung. Das Stück verbindet persönliche Biografien mit kollektiven Erfahrungen und richtet den Blick auf Menschen, deren Geschichten gesellschaftliche Veränderungen möglich gemacht haben. Vor der Premiere am 4. März haben wir der in Zürich lebenden Regisseurin drei Fragen zum Stück gestellt.
Gessnerallee: In «Movements» werden anhand der Leben dreier kultureller Pionier*innen und international angesehener Aktivist*innen gesellschaftliche Veränderungen in ihrer Komplexität erforscht, gefeiert und hinterfragt. Was bedeutet es, mit realen Biografien zu arbeiten?
Monika Truong: Die Performer*innen sind in der Entwicklung dieser Arbeit Kompliz*innen. Wir teilen persönliche und gewinnen kollektive Erfahrungen. Entsprechend dem Leitsatz der Gleichstellungsbewegung «Das Private ist politisch» konnten wir in Gesprächen und Proben asymmetrische Machtverhältnisse aufdecken, die aus persönlichen Situationen entstehen und sich in persönlichen Erfahrungen widerspiegeln.
Ungleichheit ist als Resultat gesellschaftlicher Machtstrukturen zu verurteilen. Im Alltag ist sie jedoch oftmals sehr persönlich. Die realen Biografien spielen für «Movements» also eine Art Doppelrolle: Zainab J Lascandri, Salma Said und Steven Schoch bringen ihre Realitäten in die Entwicklung der Schichten und Spannungsmomente des Stücks ein und bringen sie radikal ehrlich auf die Bühne.
Am Ende scheitert Veränderung leider oftmals auch an den kleinen, persönlichen Hürden. Wenn wir heute neben vielen andern Krisen auch von einer Demokratiekrise sprechen, wird diese Auseinandersetzung zentral. Wie finden wir uns als freie, selbstbestimmte Individuen in fragmentierten Gesellschaften zurecht? Und wie bringen wir uns als mutige, verantwortungsbewusste Menschen in Bewegungen ein?
Welche Begegnungen oder Geschichten haben dich während der Arbeit an «Movements» besonders berührt?
Wir haben «Movements» immer wieder als eine Art rituelle Performance erlebt, die sich mit «Shout-outs» denjenigen zuwendet, die unsere Welten massgebend geprägt haben. Stimmen erhalten Raum, die in unserer Gesellschaft oft ungehört bleiben. Marginalisierte Geschichten werden gewürdigt und in ein Verhältnis zum kollektiven Diskurs gebracht. Am berührendsten war dabei die Aufarbeitung der Geschichten von Familien und Freund*innen der drei Performer*innen. Persönliche Erfahrungsberichte und Biografien verdeutlichen, wie Freund*innen inhaftiert, Familien auseinandergerissen und Menschen in die Flucht getrieben wurden. Die Wechselwirkung dieser beiden Sphären wurde zur entschlossenen Suche unserer Arbeit. Das gemeinsame Erinnern, Erzählen und Würdigen wird zum politischen Akt.
Zusammen mit dem Publikum möchtet ihr die oft übersehene und doch so wichtige Arbeit von Familie, Freund*innen, Nachbar*innen oder zufälligen Bekannten anerkennen. Die erwähnte Praxis der «Shout-outs» entstand während der Great-Migration-Bewegung in den USA und hat ihren Ursprung in afroamerikanischen Kirchen. Was sollen die Zuschauer*innen nach dem Abend mit nach Hause nehmen?
Migration überwindet geografische und kulturelle Grenzen und bringt neue Ausdrucksformen hervor. Die Weitergabe von persönlichen Liedern mit Texten über die Sklaverei, die in afroamerikanischen Kirchen gründet, hat die Musiklandschaft nachhaltig geprägt. Sie hat ein Gefühl von Zugehörigkeit und Identität für ganze Communitys geschaffen.
Wir wollen mit unseren «Shout-outs» zurück zu den Ursprüngen, wo deutlich wird, dass kollektive Erfahrungen und geteilte Geschichten zum Treibstoff gesellschaftlichen Wandels werden. Rechte und Errungenschaften, die heute für viele als selbstverständlich gelten, wurden von wenigen erkämpft. So sucht der Blick zurück nicht die Nostalgie, sondern die Motivation für die Bewegungen, die noch kommen – kommen müssen. Gemeinsam mit dem Publikum erfahren wir «Hoffnung als Praxis». Hoffnung ist kein passives Warten, sondern eine aktive Verpflichtung zum Weitermachen.
Sichern Sie sich jetzt Tickets für die Vorstellungen von «Movements» vom 4., 5., 6. und 7. März.
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Programm
27. und 28. Februar, 2. und 3. März
«Collapse in 5 Acts: There Is Porn of It» von Simone Aughterlony
Zwischen Nebelschwaden, heruntergefallenen Rohren und zerbrochenen Denkmälern treffen sich rätselhafte Figuren: ein König, ein*e Erzähler*in, eine Fee der radikalen Art, Tourist*innen, Verwundete, ein Pferd, ein*e Architekt*in. Die neue Arbeit von Aughterlony setzt sich mit der Ästhetik des Zusammenbruchs auseinander und fragt danach, wie aus Trümmern neue Perspektiven entstehen können. Sichern Sie sich jetzt Ihre Tickets für die Premiere am Freitag, 27. Februar. Mehr Informationen