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Analyse

Berlin spart sich seine Seele weg

In ZĂŒrich gilt Berlin als einer der wichtigsten Orientierungspunkte fĂŒr die performativen KĂŒnste. Zu Beginn dieses Jahres streicht die Stadt 12 Prozent ihres Kulturbudgets. Was passiert, wenn dieser Leuchtturm kaputtgespart wird? Eine Geschichte mit mehreren Wendungen aber noch ohne Happy End.

Caspar Shaller, 11. Juni 2025

Komplette Schieflage in der Berliner Kulturszene: Auch die VolksbĂŒhne muss drastisch sparen. Copyright: Sergio Andretti

FĂŒnf Wochen vor Silvester 2024 war es plötzlich amtlich: Berlin kĂŒrzt. Insgesamt soll die Stadt 3 Milliarden Euro einsparen, bei einem Jahresetat von 40 Milliarden. Viele Bereiche der öffentlichen Daseinsversorgung sind betroffen. Die Berliner Verkehrsbetriebe etwa sollen satte 18,5 Prozent ihres Budgets einsparen. Besonders hart treffen die KĂŒrzungen aber auch die Kultur. Obwohl der Kulturetat nur 2 Prozent des Gesamtbudgets ausmacht, sollen hier 12,5 Prozent eingespart werden. Das bedeutet 131 Millionen weniger im Jahr 2025, 2026 dann 149 Millionen und 2027 164 Millionen. Ein Schock, nicht nur fĂŒr KĂŒnstler*innen, sondern fĂŒr die ganze Stadt.

Ende November stellte der Senat, wie die Landesregierung Berlins genannt wird, eine erste Sparliste vor. Sie war rabiat. Vor allem Theater wie die VolksbĂŒhne, aber auch das Jugendtheater Grips sollten drastisch Federn lassen. Die mehrmals jĂ€hrlich stattfindenden eintrittsfreien Sonntage in Museen fallen weg, bereits geplante Kunstprojekte oder Theatervorstellungen mĂŒssen abgesagt werden, manche Kulturinstitutionen könnten Insolvenz anmelden, Hunderte Stellen sind in Gefahr.

Wenige Wochen darauf veröffentlichte der Senat eine ĂŒberarbeitete Streichliste. Offenbar war die erste Liste von der Finanzverwaltung verfasst worden, ohne RĂŒcksprache mit dem Kulturdepartement. Die ĂŒberarbeitete Liste hatte nun mehr Beteiligung aus der Kulturverwaltung sowie aus der Kulturszene selbst. Einige wichtige Institutionen kamen etwas glimpflicher davon, die KĂŒrzungen bei Jugendtheatern beispielsweise wurden zurĂŒckgenommen. Auch grosse Theater wie das Berliner Ensemble, die SchaubĂŒhne aber auch die Berliner Orchester mĂŒssen weniger hart sparen.

«Dieses Jahr wurde jeder meiner zehn AntrÀge auf Projektförderung abgelehnt. Das ist mir in 13 Jahren Berlin noch nie passiert.»

Olympia Bukkakis

Doch die KĂŒrzungen wurden nur umgeschichtet. Denn dafĂŒr wird nun das Arbeitsraumprogramm, das subventionierte Ateliers fĂŒr bildende KĂŒnstler*innen zur VerfĂŒgung stellt, zusammengestrichen, auch die Freie Theater-, Tanz- und Performanceszene wird empfindlich getroffen. Dabei darbt die Freie Szene der einst als wichtiges Kunstzentrum Europas bekannten Stadt bereits seit Jahren. Wichtige Kunstmessen finden nicht mehr statt, viele kleinere Galerien schliessen. Dazu kommen die steigenden Lebenshaltungskosten. Berlin hat sich in den letzten Jahren zu einem harten Pflaster gewandelt. Noch vor wenigen Jahren fĂŒr billige Mieten und die vielen FreirĂ€ume bekannt, ist Berlin nun eine der teuersten StĂ€dte Deutschlands, NeuzuzĂŒger*innen finden kaum eine Wohnung. Ohne gĂŒnstige Ateliers oder ÜbungsrĂ€ume ist es schwer, schöpferisch tĂ€tig zu werden.

«Die Situation in Berlin ist ohnehin schon schwierig», sagt Olympia Bukkakis. «Mir tun die jungen KĂŒnstler*innen so leid, die gerade herziehen, wie sollen die eine Wohnung finden?» Die KĂŒnstlerin gilt als eine der wichtigsten Stimmen der queeren Szene Berlins. Sie spielt auf der gesamten Klaviatur der Performancekunst, von populĂ€ren Dragshows bis zu avantgardistischen Vorstellungen in bekannten HĂ€usern wie der VolksbĂŒhne und den Sophiensaelen – auch in der Gessnerallee.

Eine der wichtigsten Stimmen der queeren Szene in Berlin: Olympia Bukkakis. Copyright: Sergio Andretti

In ihrer Arbeit spĂŒrte Olympia die KĂŒrzungen sofort. Gemeinsam mit anderen betrieb sie das queere Kultur- und Sozialzentrum Fortuna in einem ehemaligen Casino in Neukölln. Dort fanden nicht nur Dragshows, Performances oder Konzerte statt, dort trafen sich etwa auch Selbsthilfegruppen. Der Vertrag fĂŒr das Fortuna konnte aufgrund der KĂŒrzungen nicht verlĂ€ngert werden. Aber auch ihre eigenen Projekte sind bedroht. «Die ses Jahr wurde jeder einzelne meiner insgesamt zehn AntrĂ€ge auf Projektförderung abgelehnt», sagt Olympia, immer noch etwas fassungslos. «Das ist mir in meinen 13 Jahren in Berlin noch nicht passiert.» Eines der Projekte war eine Art Talkshow-Performance-Reihe mit jeweils vier GĂ€sten, KĂŒnstler*innen und Menschen aus der Community. Als Budget fĂŒrs ganze Jahr wĂ€ren 60000 Euro eingeplant gewesen. Damit hĂ€tte man die Raummiete, die GehĂ€lter der Techniker*innen sowie Gagen fĂŒr die Performer*innen bezahlt. All das fĂ€llt nun weg.

«Jede Form von KĂŒrzung ist eine Katastrophe, denn Tanz ist ohnehin unterfinanziert und geprĂ€gt von PrekaritĂ€t und wirtschaftlicher Unsicherheit.»

Marie Henrion

Da die KĂŒrzungen fĂŒr das Jahr 2025 erst Ende November 2024 verkĂŒndet wurden, lagen plötzlich auch die FörderantrĂ€ge fĂŒr Projekte im FrĂŒhjahr auf Eis. Bereits im Normalfall sind Veranstaltungen der Freien Szene im Januar und Februar eher dĂŒnn gesĂ€t, da die AntrĂ€ge fĂŒr Förderung erst Ende Jahr gestellt werden, was die kurzfristige Planung erschwert. Doch dieses Jahr fand im Januar und Februar fast gar nichts statt. «Ich habe Ende Jahr meistens ohnehin schon ein Mini-Burn-out», sagt Olympia, «weil sich wegen der Geldervergabe die Projekte im Herbst ballen.» Dieses Jahr sei die Verteilung noch schwieriger.

KĂŒrzungen als Teil des allgemeinen Rechtsrucks

Das befĂŒrchtet auch Marie Henrion vom TanzbĂŒro Berlin: «Unser alle zwei Monate erscheinendes â€čtanzraumberlin Magazinâ€ș konnte Anfang des Jahres erstmals keinen Kalender abdrucken, da die Berliner Orte fĂŒr den Tanz ohne Planungssicherheit ins Jahr gestartet sind. Die HĂ€user wussten nicht, was im Januar und Februar stattfindet.»

Henrion kennt sich in der Berliner Tanzszene aus wie wenige andere. Denn das TanzbĂŒro Berlin ĂŒbernimmt eine zentrale koordinierende Rolle fĂŒr die Freie Tanzszene, indem es Öffentlichkeitsarbeit betreibt, einen Eventkalender fĂŒr Tanzveranstaltungen veröffentlicht und sich um Fördermittel bemĂŒht. Es agiert als Schnittstelle zwischen Szene, Politik und Öffentlichkeit. Das TanzbĂŒro lebt hauptsĂ€chlich von öffentlicher Förderung, die KĂŒrzungen haben zu einem drastischen Personalabbau gefĂŒhrt. Von ursprĂŒnglich 12 Mitarbeitenden wurde auf etwa 6 bis 7 reduziert. Zu Beginn sollte das ganze Budget gestrichen werden, doch am Ende konnte das abgewendet werden. Aber: «Jede Form von KĂŒrzung ist eine Katastrophe», sagt Henrion. Denn Tanz sei ohnehin unterfinanziert und geprĂ€gt von PrekaritĂ€t und wirtschaftlicher Unsicherheit. Viele TĂ€nzer*innen, mit denen Henrion in Kontakt ist, ĂŒberlegen, ganz aus der Branche auszusteigen.

«Die FörderkĂŒrzungen sind vielleicht unser kleinstes Problem – sie sind Ausdruck einer viel grösseren politischen Entwicklung.»

Sandrine Micossé-Aikins

Ein anderer Bereich, der offenbar im Fadenkreuz der Verwaltung war: Kulturprojekte, die sich gesellschaftlicher Vielfalt widmen. Diese waren ĂŒberproportional von den KĂŒrzungen betroffen. «Es ist schon auffĂ€llig, dass in dieser ersten KĂŒrzungsliste ja einfach sĂ€mtliche Projekte, die irgendwie DiversitĂ€t drĂŒberstehen hatten, wegsollten», sagt Sandrine MicossĂ©-Aikins. Sie leitet seit 2017 das BĂŒro Diversity Arts Culture (DAC). Es unterstĂŒtzt Berliner Kultureinrichtungen mit Beratung und Weiterbildung zu Antidiskriminierung, DiversitĂ€t und Barriereabbau. Das DAC ist Teil der ĂŒbergeordneten Stiftung fĂŒr Kulturelle Weiterbildung und Kulturberatung, deren Budget vollstĂ€ndig gestrichen werden sollte. «Es kam völlig ohne Vorwarnung und ganz ĂŒberraschend», sagt MicossĂ©-Aikins.

Dass ihre Organisation dem Rotstift zum Opfer fallen sollte, hat MicossĂ©-Aikins erst aus der Presse erfahren. Und das, obwohl das DAC in engem Austausch mit der Kulturverwaltung steht, weil es wichtige Aufgaben ĂŒbernimmt, die sich aus den geltenden Antidiskriminierungsgesetzen ergeben. Die KĂŒrzungen betreffen die gesamte Stiftung, die das DAC umfasst, mit rund einer Million Euro weniger Förderung – das sind 20 Prozent des Gesamtbudgets, das bei etwa 5 Millionen Euro liegt. Die konkreten Auswirkungen auf das DAC sind jedoch noch unklar.

Brisant an den KĂŒrzungen, die Projekte mit dem Label «DiversitĂ€t» betreffen, ist, dass die seit Anfang Mai vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufte AfD im Jahr 2023 im Berliner Stadtparlament einen Antrag eingebracht hat, ebenjenen Projekten die Gelder zu streichen. Das zeigt fĂŒr MicossĂ©-Aikins, dass die Berliner KulturkĂŒrzungen in einen weiteren Rechtsruck einzuordnen sind: «Die FörderkĂŒrzungen sind vielleicht unser kleinstes Problem – sie sind Ausdruck einer viel grösseren politischen Entwicklung.»

Sie verweist auf den bundesweit wachsenden Rechtsruck. Angriffe auf progressive Kulturarbeit seien Bestandteil einer bekannten rechten Strategie, wie sie auch aus anderen europĂ€ischen LĂ€ndern wie Ungarn oder Italien bekannt sei. Kultur werde nicht nur entwertet, sondern zunehmend als Feindbild dargestellt. MicossĂ©-Aikins warnt, dass die KĂŒrzungen und die politische Repression nicht nur ein finanzielles, sondern ein tiefgreifendes politisch-kulturelles Problem seien. KĂŒrzungen von Fördermitteln seien hĂ€ufig auch ein praktisches Mittel, die kulturelle Vielfalt und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher DiversitĂ€t zu untergraben.

Nur wenige kennen sich in der Berliner Tanzszene so gut aus wie sie: Marie Henrion. Copyright: Sergio Andretti

Kein Platz mehr fĂŒr die Meinungsfreiheit

Bevor die massiven KĂŒrzungen bekannt wurden, hatte es bereits heftige politische Auseinandersetzungen um die Berliner Kulturszene gegeben. So etwa die AffĂ€re um das Kulturzentrum Oyoun. Dort sollte eine JubilĂ€umsveranstaltung der Organisation «JĂŒdische Stimme fĂŒr einen gerechten Frieden» stattfinden. Die war bereits vor dem 7. Oktober 2023 geplant, doch nach dem Massaker, das die Hamas an jenem Tag in Israel verĂŒbte, kippte die Stimmung auch in Deutschland.

Die «JĂŒdische Stimme» ist eine Gruppe jĂŒdischer Aktivist*innen, die sich oft fĂŒr die palĂ€stinensische Sache aussprechen und Kritik an der israelischen Regierung Ă€ussern. Nach einigen Zeitungsartikeln in der konservativen Presse forderte die Politik, das Oyoun solle die Veranstaltung absagen. Doch das Kulturzentrum verweigerte das – man lasse sich bei der Kuration des Programms keine politischen Vorgaben machen, das verstosse gegen die Meinungsfreiheit. Kultursenator Joe Chialo beschloss daraufhin im November 2023, dem Zentrum komplett die Förderung zu streichen. Das Oyoun musste zum Jahresende schliessen.

Kurz darauf, Ende 2023, versuchte Chialo erfolglos eine verpflichtende Klausel fĂŒr alle FörderantrĂ€ge einzufĂŒhren, bei der Antragsteller*innen einwilligen sollten, keine Kritik an Israel zu Ă€ussern. Dies scheiterte im Januar, auch aufgrund von Protesten aus dem organisierten Kulturbereich und letztlich, weil die Rechtsberater*innen des Berliner Senats feststellten, dass die Klausel verfassungswidrig gewesen wĂ€re – sie verletzt die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kunst. Auch MicossĂ©-Aikins hatte EinwĂ€nde: «Die Klausel war rechtlich unsicher, inhaltlich vage und in der Praxis politisch instrumentalisierbar.» In ihren Augen fĂŒhrt eine solche Klausel zu einer Hierarchisierung von Diskriminierungserfahrungen, was langfristig die solidarische Arbeit im Kultur- und Bildungsbereich erschwere.

«Niemand hat mit dem Finger auf andere gezeigt und gesagt: â€čSpart doch da statt bei uns.â€ș»

Olympia Bukkakis

Im Nachgang der Auseinandersetzungen um diese Klausel warnte die Journalistin Emily Dische-Becker in einem Beitrag im jĂŒdischen Onlineportal «The Diasporist»: «Angesichts der Versuche des Berliner Senats, politische Gesinnungstests einzufĂŒhren, kann die gleichzeitige Streichung von Mitteln fĂŒr den Kulturbereich auch als â€čdefunding Dissensâ€ș verstanden werden.» FĂŒr Dische-Becker sind die massiven KĂŒrzungen des Berliner Kulturhaushalts ein Weg, explizite Zensur zu vermeiden, die ja auch von der deutschen Verfassung verboten wĂ€re. Aber wenn man der international geprĂ€gten und darum in politischen Diskursen oft anders als die deutsche Politik tickenden Kulturbranche die Gelder streiche, könne man Kritik auch ausschalten, ohne zum Hammer der Zensur zu greifen.

Noch einmal GlĂŒck gehabt: Die KĂŒrzungen beim Theater Hebbel am Ufer wurden vom Senat zurĂŒckgenommen. Copyright: Sergio Andretti

Warum die Hoffnung noch lebt

Was tut die Berliner Kulturszene nun nach all diesen Angriffen? Marie Henrion gibt zu bedenken, dass die gesamte Berliner Kulturszene mit grosser SolidaritĂ€t, Protestaktionen und politischem Druck reagiert habe, was die empfindlichsten Einschnitte vorerst gemildert habe. Seit dem Herbst 2024 gab es zahlreiche grosse Demos, etwa vor dem Brandenburger Tor oder vor dem Abgeordnetenhaus, dem Stadtparlament Berlins. «Es war sehr schön, dass wir da in so einem engen Schulterschluss zusammenstanden», sagt Henrion. Auch Olympia Bukkakis stimmt es zuversichtlich, wie ĂŒber alle Sparten hinweg zusammengearbeitet wurde. «Niemand hat mit dem Finger auf andere gezeigt und gesagt: â€čSpart doch da statt bei unsâ€ș», sagt die Performerin. Aber sie gibt auch zu bedenken, dass die Möglichkeiten der Freien Szene, Widerstand zu leisten, begrenzt sind. «Wir sind fast alle freischaffende Personen und leben sehr prekĂ€r, viele können es sich nicht leisten, negativ aufzufallen.»

An den grossen HĂ€usern hingegen sind viele in regulĂ€ren ArbeitsverhĂ€ltnissen angestellt und gewerkschaftlich organisiert. Das macht die Abwehr von Angriffen aus der Politik etwas sicherer. Doch die grossen Institutionen sehen anderen Problemen entgegen: Die landeseigenen Theater wie VolksbĂŒhne, Deutsches Theater, Maxim-Gorki-Theater und Theater an der Parkaue sollen laut Kulturverwaltung «in eine neue Rechtsform» ĂŒberfĂŒhrt werden. Noch weiss niemand, was das heisst. Vielleicht nur, dass eine gemeinsame Dachorganisation geschaffen wird, um Verwaltung und WerkstĂ€tten zusammenzulegen und so Geld zu sparen.

«In dieser Verzweiflung hat niemand eine klare Perspektive, wo man hinkönnte.»

Marie Henrion

Ähnlich funktionieren bereits die drei Berliner OpernhĂ€user. Doch Mitarbeitende befĂŒrchten im schlimmsten Fall eine Privatisierung. Zwischen ĂŒberteuertem Wohnungsmarkt und wegbrechenden Fördermitteln fragen sich viele KĂŒnstler*innen nun, ob sie Berlin verlassen sollen.

Doch wohin? Marie Henrion vom TanzbĂŒro gibt zu bedenken, dass die Situation andernorts auch nicht viel besser ist. «Vor 5 Jahren wĂ€re es relativ klar gewesen, dass sicherlich einige nach Belgien gehen werden, nach Frankreich oder Holland – aber auch dort sehen wir aktuell dasselbe PhĂ€nomen.» Gerade in den Niederlanden greife die Regierung mit Beteiligung des rechtspopulistischen Politikers Geert Wilders Kultur und Bildung an. «Das ist die blanke RealitĂ€t, mit der wir gerade konfrontiert werden. In dieser Verzweiflung hat niemand eine klare Perspektive, wo man hinkönnte.»

Doch Anfang Mai tut sich ziemlich unerwartet eine neue Perspektive auf: Kultursenator Joe Chialo tritt zurĂŒck und Sarah Wedl-Wilson wird seine Nachfolgerin. Sie ist ehemalige StaatssekretĂ€rin im Kultursenat, war also die höchste Beamtin in der Kulturverwaltung. Von ihr erhoffen sich nun viele eine professionellere und vor allem der Kultur gewogene Politik. Vielleicht, gibt Marie Henrion vom TanzbĂŒro zu bedenken, werde dieses Jahr immerhin das Budget fĂŒr 2026, das im Dezember vor gestellt wird, souverĂ€ner kommuniziert, sodass der Kulturszene die Planungsunsicherheit und das Chaos dieses Jahres fĂŒr die nĂ€chste Zeit erspart werden. An Chialos Amtszeit lĂ€sst die Lokalpresse kaum ein gutes Haar. Die linke Tageszeitung «Neues Deutschland» etwa schreibt, Chialo sei mehr durch sein Amt gestolpert, als er es aus gefĂŒllt hĂ€tte. FĂŒr die Kultur eingesetzt hat er sich kaum. Gegen die massiven KĂŒrzungen in seinem Budget hat er offenbar keinen Widerstand geleistet.

Weckt der Wechsel im Kultursenat Hoffnung auf etwas Linderung? Nur sehr wenig. «Das Einzige, was an dieser furchtbaren Regierung gut ist», sagt Performerin Olympia Bukkakis: «Sie ist bald vorbei.» Im Herbst 2026 sind Wahlen in Berlin, danach, so hoffen viele, weht der Kultur im immer noch sehr wichtigen Kunstzentrum Europas kein ganz so kalter Wind mehr entgegen.

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