Year-To-Date: Bei der Gestaltung unseres Programms berücksichtigen wir zeitliche und räumliche Aspekte: Musik, Performance und Kunst werden im tagesaktuellen Kontext gelesen – als Kommentar, als Zeitzeugnis. Was heisst es für dich heute, im Gegensatz zu vor ein paar Jahren, Musik zu machen?
Alpha Maid: Musik bedeutete für mich immer, ein Ventil zu haben, um auf alles reagieren zu können, was in meinem Leben passiert. Ich habe immer versucht, das Musikmachen als solches zu schützen. Es ist für mich offensichtlicher als noch vor ein paar Jahren, dass Musikmachen nicht nur Teil eines Lebensstils ist, sondern auch meine Arbeit. Das hört sich vielleicht einfach an, aber es ist ein ziemlich kompliziertes Geflecht, das ich gerade zu entwirren beginne. Musik als Arbeit zu betrachten, fühlt sich viel ausgeglichener und weniger toxisch an als noch vor ein paar Jahren. Das zu akzeptieren bedeutet wiederum, dass ich viel mehr Möglichkeiten habe, die Dinge so zu gestalten, dass ich das Musikmachen weiterhin als Ventil nutzen kann.
Wie würdest du die Beziehung zwischen aktuellen Ereignissen und dem Musikmachen beschreiben?
Aktuelle Ereignisse sind breit gefächert. Für mich sind sie all das, was mich umgibt und Teil von mir ist: Biologie, Familie, Freund*innen, Dynamiken, Branchen und Communities, in denen ich mich engagiere. Ich stelle mir oft vor, dass alles nach unten tröpfelt und nach oben verdunstet und mein Leben all das umfasst.
Auch hier ist es eine Gratwanderung, das Musikmachen wirklich als Ventil zu nutzen. Auf der einen Seite stehen das Erinnern und die Ehrlichkeit zu sich selbst, warum man überhaupt Musik macht, und auf der anderen Seite steht das Vergessen, wo man sich gerade befindet. Dazwischen findet man den Zugang zur Flucht.
Du verwendest in Texten zu deiner Musik das Wort glitch. Das hat uns fasziniert und wir haben das Wort nachgeschlagen: Glitch bezeichnet eine plötzliche, meist vorübergehende Störung, die oft unvorhergesehen und unvorhersehbar ist. Wo liegt das Potenzial eines glitch für dich, wenn er willkommen ist oder sogar ein bisschen erwartet wird?
Glitches sind aufregend. Plötzlich und unvorhersehbar zu sein, ist mächtig und gefährlich. Wenn man davon abweicht und einen glitch vorwegnimmt oder begrüsst, dann ist das, wie wenn man die Torpfosten in einem Spiel verändert. Das ist wie ein Zustandswechsel – ziemlich magisch. Man muss ein unterbewusstes Vertrauen in sich selbst haben, um eine Störung auch als Zuhörer*in begrüssen zu können.
Du kommst mit deiner Band für ein paar Tage nach Zürich und ihr probt bisher unveröffentlichte Musik. Denkst du, dass die Zeit, die du hier in Zürich verbringst, die Musik verändert und dass dies hörbar wird?
Ich freue mich sehr auf meine Zeit in Zürich. Ich werde mit Themen und Klängen arbeiten, die dann später in diesem Jahr veröffentlicht werden. Diese Musik wurde zwischen Manchester und Südlondon und über ein paar Jahre hinweg in verschiedenen Lebensphasen geschrieben. Es ist also grossartig, Zeit und Konzentration an einem festen Ort zu haben, um sie in ein Live-Setting zu bringen – und das auch noch in einer ganz anderen Stadt als der, in der sie geschrieben wurde. Obwohl ich sicher bin, dass die Zeit in der Schweiz etwas beeinflussen wird, kann ich noch nicht versprechen, dass diese hier am Ende hörbar sein wird. Aber wer weiss das schon, und ich bin offen dafür. Die Zeit hier könnte aber etwas Hörbares beeinflussen, das zu einer anderen Zeit entsteht. Diese Arten von Variablen haben ihre eigenen Pläne.